Mikael Tariverdiev: Soundtrack zu “Ironie des Schicksals” (Deutschlandradio Kultur)

Der englische Musiker Stephen Coates und das Label Earth Recordings setzen ihre Tariverdiev-Offensive fort. Nach der fabelhaften 3CD-Filmbox vom letzten Jahr veröffentlicht das Label jetzt einen ersten kompletten Soundtrack von Tariverdiev: “Irony of Fate/Ironie des Schicksals/Ирония судьбы” (1975, Regie: Eldar Rjasanow). Weiter sollen folgen und Zeit wird es!

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Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler. 1932 – 1943. (WDR)

bildschirmfoto-2016-12-02-um-12-56-16Am 29. März 1938 besucht Iwan Maiski, 54 Jahre alt und seit beinah sechs Jahren Botschafter der Sowjetunion in London, eine Sitzung des britischen Oberhauses. Zwei Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Er hört, wie diverse Lords ihre Bewunderung für Hitler bekunden. Er hört, wie verlangt wird, “Mein Kampf” ins Englische zu übersetzen. Und er hört, dass es nicht im englischen Interesse liege, der Tschechoslowakei gegen Hitler zu helfen.

“Niemals in meinem Leben habe ich eine solche Ansammlung von Reaktionären gesehen wie in diesem Oberhaus. Sichtbar überwachsen vom Schimmel der Jahrhunderte. Sogar die Luft in der Kammer ist abgestanden und gelblich. Sogar das durch die Fenster herein scheinende Licht ist funzelig. Die Männer, die auf diesen roten Bänken sitzen, sind geschichtsblind wie Molche und bereit, wie geprügelte Hunde dem NS-Diktator die Stiefel zu lecken. Sie werden dafür bezahlen, und ich werde es noch erleben!”

Schon der kurze Auszug lässt ahnen, warum Iwan Maiskis Tagebücher so außerordentlich bedeutsam sind. Maiski war über viele Jahre in entscheidenden Momenten der Weltgeschichte in entscheidender Funktion am entscheidenden Ort. Als Beobachter, als Chronist und als Akteur. Er war ein kluger, weitsichtiger Mann. Er konnte schreiben. Und – überaus ungewöhnlich für einen Mann in seiner Position: Maiski ging das Wagnis ein, private Aufzeichnungen zu produzieren.

Gabriel Gorodetsky: “Ohne Zweifel wurde vieles davon für die Nachwelt geschrieben. Schon 1932 ahnte Maiski, dass Hitler wahrscheinlich Kanzler in Deutschland werden würde und dass das zum Krieg führen würde. Und er wusste, dass er selbst eine große Rolle spielen würde. (…) Darum beschloss er seine Erlebnisse aufzuzeichnen. Andererseits war er jemand, der ohnehin schrieb: Literatur. Gedichte. Fast schon zwanghaft. Darum zeigt das Tagebuch die politische Situation auf dem Weg zum Krieg und ist gleichzeitig voll mit persönlichen Details. Es ist ein Hybrid aus Literatur, Politik und Geschichte.”

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WDR5 Scala: Abreißen? Ersetzen? Vergessen? – Denkmalstreit in Europa

Das neue Moskauer Wladimir-Denkmal im Atelier des Bildhauers Salawat Tscherbakow:unadjustednonraw_thumb_b81c

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Abreißen? Ersetzen? Schützen? Vergessen? 

In vielen Ländern Europas wird heftig um Denkmäler und die Geschichte gestritten

WDR5 Scala 18.11.2016

Die Kleinstadt Nowgorod-Sewerskij im Norden der Ukraine erlebte kürzlich das, was Andy Warhol “seine 15-Minuten-Ruhm” nannte. In Nowgorod-Sewerskij soll, so berichteten zahllose Medien, das letzte Lenin-Denkmal der Ukraine demontiert worden sein. Ob es wirklich das letzte war ist fraglich, aber eins ist sicher: in der Ukraine werden seit 2014 massenhaft Denkmäler gestürzt und nach und nach durch neue ersetzt. Das Ziel ist klar: die Geschichte des Landes soll neu und anders erzählt werden. Doch die Ukraine ist nicht das einzige Land in Europa, in der um Denkmäler und die richtige Interpretation der Geschichte gestritten wird. In WDR5 Scala habe ich einen kleinen Streifzug durch Denkmal-Europa unternommen: Vom neuen Denkmal für den heiligen Wladimir in Moskau über die enthusiastischen Denkmalstürzer und -neuerbauer in der Ukraine bis hin zu den Debatten um Cecil Rhodes und Christoph Columbus und Franco in England und Spanien.

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Hier noch ein paar Bilder:

  1. Stepan Bandera in Lviv (Lemberg) – errichtet 2008, Bildhauer: Mykola Posikira
  2. Felix Dzerzhinskij im Skulpturen-Park in Moskau – bis zum 23.August 1991 stand das Denkmal vor der Lubjanka – errichtet 1958, Bildhauer: Jewgenij Wutchetitch, Architekt: Grigorij Sacharow
    Denkmal für Stepan Bandera, Lemberg/Lviv/Lwow

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Serhij Zhadan: Warum ich nicht im Netz bin (DLF Büchermarkt)

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Der 1974 im ostukrainischen Donbas geborene Serhij Zhadan ist in den letzten zehn Jahren unaufhaltsam zum wichtigsten ukrainischen Dichter und Schriftsteller aufgestiegen. Erstaunlich ist das nicht zuletzt deshalb, weil seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 vor allem Westukrainer wie Jurij Andruchowytsch oder Kiewer Autoren wie Andrej Kurkow die ukrainische Literatur repräsentiert haben: im In- und Ausland. Der Osten der Ukraine hingegen gilt vor allem in der Ukraine selbst vielen als kulturloses Niemandsland. Zhadan ist seit mehr als zehn Jahren die Speerspitze einer kulturellen Szene im Osten des Landes, die zeigt, dass der Donbas und Charkiw, wo Zhadan seit vielen Jahren lebt, alles andere als kulturlos sind. Oder waren: Der Band “Warum ich nicht im Netz bin” bringt nun erstmals Texte von Zhadan, die entstanden sind, nachdem Russland 2014 dem Donbas einen Krieg aufzwang, aus dem auch zwei Jahre später kein Ausweg in Sicht ist.

Der Krieg im Donbas ist für Serhij Zhadan kein abstraktes Problem, sondern ein konkretes. Ein sehr nahes, physisch, psychisch, emotional. Zhadan wurde im Donbas geboren, dort leben bis heute Freunde und Verwandte. Zhadan liebt die Leute aus dem Donbas, er liebt die Landschaft, er liebt die Städte. Jene karge Landschaft und jene wenig einladenden Städte, die so schwer zu lieben sind, zumindest für Außenstehende. Landschaften und Städte, deren Namen bis 2014 in Europa kaum jemand kannte und die zwei Jahre später auch schon wieder fast vergessen sind. Starobilsk, wo Zhadan geboren wurde, Slawjansk, wo der Krieg begann, Debaltsewo, wo eine der schlimmsten Schlachten des Krieges geschlagen wurde. Donetsk und Luhansk – jenes Luhansk, das bis 1992 Woroschilowgrad hieß – genau wie Zhadans bislang bester Roman im Original. Auf Deutsch wurde aus “Woroschilowgrad” dann “Die Erfindung des Jazz im Donbas”.

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Serhij Zhadan. Warum ich nicht im Netz bin – Gedichte und Prosa aus dem Krieg. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe und Esther Kinsky.

Edition Suhrkamp. 170 Seiten, 16,00 Euro