Buchrezension WDR3: Evgenij Vodolazkin – Laurus

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Heiligenlegenden gehören zu den ältesten literarischen Formen überhaupt – in der katholischen Kirche im Westen, aber auch in Russland. Weil die meisten Menschen nicht lesen konnten, wurde das Leben heiliger Kirchenväter in der orthodoxen Kirche zwar über lange Zeit in erster Linie in comic-artigen Bilderfolgen auf Ikonen erzählt. Aber trotzdem: schriftliche Heiligenlegenden sind ein Grundbaustein der russischen Kultur, seit dem Mittelalter. Kaum jemand weiß das besser, als der Petersburger Literaturwissenschaftler Evgenij Vodolazkin. Vodolazkin arbeitet am berühmtesten literarischen Forschungsinstitut seines Landes, dem sogenannten Puschkinhaus, sein Lehrer war einer der großen Geisteswissenschaftler des 20. Jahrhunderts: Dmitrij Lichatschow. In seinem Roman “Laurus”, der 2013 den wichtigsten russischen Literaturpreis gewann, zeigt Vodolazkin, das an den ältesten literarischen Formen nichts, aber auch gar nichts altmodisches ist – in den richtigen Händen! 

Beitrag
Das Leben des Menschen ist uneinheitlich, die einzelnen Teile haben bisweilen so wenig miteinander gemeinsam, man könnte meinen verschiedene Menschen hätten sie gelebt. Mit dieser vielleicht banalen, vielleicht weisen Einsicht beginnt Evgenij Vodolazkins Roman “Laurus”. Doch als das Leben von Vodolazkins Held Arseni zum ersten Mal bricht, ist man als Leser trotzdem schockiert. Arseni ist ein junger Arzt im nordrussischen Gebiet Belozersk. 500 Kilometer östlich von Sankt Petersburg, 500 Kilometer nördlich von Moskau. Da, wo bis heute die ältesten und schönsten Klöster Russlands zu besichtigen sind. Von seinem Großvater Christofor hat Arseni gelernt, welche Pflanzen welche Krankheiten heilen. Und er hat gelernt, keine Angst vor dem Tod zu haben. Das ist wichtig, denn in Russland wütet die Pest. Arseni lebt im 15.Jahrhundert – man muss das vielleicht an dieser Stelle sagen, auch wenn Vodolazkin das nicht für übermäßig wichtig hält.

Dann kommt die Liebe.

“Arseni wollte fortfahren, aber etwas ließ ihn innehalten. Ein Blick. Er sah ihn noch nicht, aber er spürte ihn schon. Es war kein schwerer Blick, eher ein hungriger. Und ein sehr unglücklicher. Er flackerte in einiger Entfernung hinter den Grabsteinen. Seiner Richtung folgend, sah Arseni ein Kopftuch und eine rotblonde Haarsträhne.

Wer bist du?, fragte er.

Ustina. Sie richtete sich auf und sah Arseni etwa eine Minute lang schweigend an. Ich habe Hunger.

Ustina strahlte Elend aus. Ihre Kleider waren voller Schlamm.

Komm herein. Arseni zeigte auf das Haus.

Ich kann nicht, erwiderte Ustina. Wo ich herkomme, ist die Pest. … Hast Du etwa keine Angst vor der Pest?”

Ustina wird gesund, die beiden jungen Leute verlieben sich und bald darauf ist Ustina guter Hoffnung. Doch gerade als das Glück vollkommen scheint, bricht alles zusammen. Ustina und ihr ungeborenes Kind sterben – und Arseni trägt Schuld. Die Pest machte ihm keine Angst, doch der Gedanke Ustina zu verlieren, war Arseni unerträglich. Also verbarg er das Mädchen vor der Öffentlichkeit, auch als sie Hilfe gebraucht hätte. Weil es in Heiligenlegenden aber manchmal zugeht wie im richtigen Leben, erweist sich die Katastrophe nicht als Ende sondern als Wendepunkt.

“Ich weiß, dass du dich nach dem Tod sehnst. Du denkst, alles was dir lieb und teuer war, ist jetzt in der Hand des Todes. Aber du irrst dich. Ustina ist nicht in der Hand des Todes. Der Tod bringt sie nur zu Ihm, der über sie Gericht halten wird. … Und nun zum Leben. Dir scheint es, als sei dein Leben belanglos geworden, du siehst keinen Sinn mehr darin. Dabei hat sich gerade jetzt der größte Sinn eines Lebens offenbart, ein Sinn den es vorher nicht hatte.

Arsenis Augen waren immer noch trocken:

Aber das irdische Leben habe ich ihr genommen.

Der Starez sah ihn ruhig an:

Dann gib ihr eben dein eigenes.

Kann ich denn an ihrer Stelle leben?

Wenn man die Frage ernsthaft betrachtet – ja. Die Liebe hat ein gemeinsames Ganzes aus Ustina und dir gemacht, also ist ein Teil von ihr immer noch da. Dieser Teil bist du.”

Wenn heutzutage jemand in derart hohem Ton über die Liebe, den Tod und den Sinn des Lebens spricht, dann sind die Leute zu recht oft skeptisch. Es gibt einfach zu viele esoterische Scharlatane. Wer aber in Evgenij Vodolazkins “Laurus” an dieser Stelle anlangt, ist gerührt von der Wärme und der Klugheit des alten Mönchs, der Arseni auf eine lange Reise schickt. Arseni verlässt sein Dorf, entdeckt erst Russland und bricht schließlich zu einer Pilgerreise auf, die ihn quer durch Europa nach Jerusalem und zurück führt. Doch die Reise führt nicht nur in der Horizontalen durch epische Abenteuer und die halbe Welt, sondern auch nach oben, hin zu etwas, dass man den Sinn des Lebens nennen könnte. Aus dem Heiler wird erst ein Gottesnarr und schließlich ein Heiliger: ein Mann, dem es gelungen ist, die Prüfungen und Barrieren zu überwinden, die das Leben und seine Zeit ihm in den Weg gestellt haben.

Vodolazkin erzählt die Geschichte des heiligen Arseni als klugen, aber nie bildungshuberischen Abenteuerroman. So wie es Umberto Eco konnte. Voller milder Ironie, verrückter Brüche und in einer Sprache, die auf wundersame Weise mittelalterliche und moderne Sprache verbindet. Olga Radetzkaja hat sich bei Martin Luther, Hans Sachs und Andreas Gryphius bedient, um das alte Russisch grandios in altes Deutsch zu bringen. Vodolazkin zitiert uralte Begräbnisordnungen, Chroniken und geistliche Verse, er baut Exkurse in mittelalterliche Zahlenmystik und Heilkunde ein, und er hat immer das ideale Detail zur Hand, das den mittelalterlichen Alltag in Stadt und Land vor Augen führt. Wobei jederzeit klar ist, dass sich von den Straßen über die Machtverhältnisse bis hin zu den Vorstellungen von Gut und Böse seit dem 15.Jahrhundert in Russland wenig verändert hat. Auch Wladimir Sorokin hat das in seinen letzten Romanen immer wieder betont. Und so ist “Laurus” ganz nebenbei auch ein kluges Buch über das Russland von heute, auch wenn Vodolazkin genau weiß, dass dem Wissen Grenzen gesetzt sind:

“Was seid ihr bloß für ein Volk, sagte der Kaufmann Siegfried. Der Mann heilt euch, er lebt nur für euch, aber ihr quält ihn sein Leben lang.

Ein Jahr und acht Monate bist du jetzt schon hier, antwortete der Schmied Awerki, aber verstanden hast du rein gar nichts von unserem Land.

Versteht ihr es denn selber?, fragte Siegfried.

Wir? Der Schmied überlegt, dann sieht er Siegfried an. Wir verstehen es natürlich auch nicht.”

 

 

Evgenij Vodolazkin: Laurus, aus dem Russischen von Olga Radetzkaja, Dörlemannverlag, 415 Seiten, 25 Euro