Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler. 1932 – 1943. (WDR)

bildschirmfoto-2016-12-02-um-12-56-16Am 29. März 1938 besucht Iwan Maiski, 54 Jahre alt und seit beinah sechs Jahren Botschafter der Sowjetunion in London, eine Sitzung des britischen Oberhauses. Zwei Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Er hört, wie diverse Lords ihre Bewunderung für Hitler bekunden. Er hört, wie verlangt wird, “Mein Kampf” ins Englische zu übersetzen. Und er hört, dass es nicht im englischen Interesse liege, der Tschechoslowakei gegen Hitler zu helfen.

“Niemals in meinem Leben habe ich eine solche Ansammlung von Reaktionären gesehen wie in diesem Oberhaus. Sichtbar überwachsen vom Schimmel der Jahrhunderte. Sogar die Luft in der Kammer ist abgestanden und gelblich. Sogar das durch die Fenster herein scheinende Licht ist funzelig. Die Männer, die auf diesen roten Bänken sitzen, sind geschichtsblind wie Molche und bereit, wie geprügelte Hunde dem NS-Diktator die Stiefel zu lecken. Sie werden dafür bezahlen, und ich werde es noch erleben!”

Schon der kurze Auszug lässt ahnen, warum Iwan Maiskis Tagebücher so außerordentlich bedeutsam sind. Maiski war über viele Jahre in entscheidenden Momenten der Weltgeschichte in entscheidender Funktion am entscheidenden Ort. Als Beobachter, als Chronist und als Akteur. Er war ein kluger, weitsichtiger Mann. Er konnte schreiben. Und – überaus ungewöhnlich für einen Mann in seiner Position: Maiski ging das Wagnis ein, private Aufzeichnungen zu produzieren.

Gabriel Gorodetsky: “Ohne Zweifel wurde vieles davon für die Nachwelt geschrieben. Schon 1932 ahnte Maiski, dass Hitler wahrscheinlich Kanzler in Deutschland werden würde und dass das zum Krieg führen würde. Und er wusste, dass er selbst eine große Rolle spielen würde. (…) Darum beschloss er seine Erlebnisse aufzuzeichnen. Andererseits war er jemand, der ohnehin schrieb: Literatur. Gedichte. Fast schon zwanghaft. Darum zeigt das Tagebuch die politische Situation auf dem Weg zum Krieg und ist gleichzeitig voll mit persönlichen Details. Es ist ein Hybrid aus Literatur, Politik und Geschichte.”

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