WDR5 Scala: Abreißen? Ersetzen? Vergessen? – Denkmalstreit in Europa

Das neue Moskauer Wladimir-Denkmal im Atelier des Bildhauers Salawat Tscherbakow:unadjustednonraw_thumb_b81c

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Abreißen? Ersetzen? Schützen? Vergessen? 

In vielen Ländern Europas wird heftig um Denkmäler und die Geschichte gestritten

WDR5 Scala 18.11.2016

Die Kleinstadt Nowgorod-Sewerskij im Norden der Ukraine erlebte kürzlich das, was Andy Warhol “seine 15-Minuten-Ruhm” nannte. In Nowgorod-Sewerskij soll, so berichteten zahllose Medien, das letzte Lenin-Denkmal der Ukraine demontiert worden sein. Ob es wirklich das letzte war ist fraglich, aber eins ist sicher: in der Ukraine werden seit 2014 massenhaft Denkmäler gestürzt und nach und nach durch neue ersetzt. Das Ziel ist klar: die Geschichte des Landes soll neu und anders erzählt werden. Doch die Ukraine ist nicht das einzige Land in Europa, in der um Denkmäler und die richtige Interpretation der Geschichte gestritten wird. In WDR5 Scala habe ich einen kleinen Streifzug durch Denkmal-Europa unternommen: Vom neuen Denkmal für den heiligen Wladimir in Moskau über die enthusiastischen Denkmalstürzer und -neuerbauer in der Ukraine bis hin zu den Debatten um Cecil Rhodes und Christoph Columbus und Franco in England und Spanien.

Hören (12min)

Hier noch ein paar Bilder:

  1. Stepan Bandera in Lviv (Lemberg) – errichtet 2008, Bildhauer: Mykola Posikira
  2. Felix Dzerzhinskij im Skulpturen-Park in Moskau – bis zum 23.August 1991 stand das Denkmal vor der Lubjanka – errichtet 1958, Bildhauer: Jewgenij Wutchetitch, Architekt: Grigorij Sacharow
    Denkmal für Stepan Bandera, Lemberg/Lviv/Lwow

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Serhij Zhadan: Warum ich nicht im Netz bin (DLF Büchermarkt)

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Der 1974 im ostukrainischen Donbas geborene Serhij Zhadan ist in den letzten zehn Jahren unaufhaltsam zum wichtigsten ukrainischen Dichter und Schriftsteller aufgestiegen. Erstaunlich ist das nicht zuletzt deshalb, weil seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 vor allem Westukrainer wie Jurij Andruchowytsch oder Kiewer Autoren wie Andrej Kurkow die ukrainische Literatur repräsentiert haben: im In- und Ausland. Der Osten der Ukraine hingegen gilt vor allem in der Ukraine selbst vielen als kulturloses Niemandsland. Zhadan ist seit mehr als zehn Jahren die Speerspitze einer kulturellen Szene im Osten des Landes, die zeigt, dass der Donbas und Charkiw, wo Zhadan seit vielen Jahren lebt, alles andere als kulturlos sind. Oder waren: Der Band “Warum ich nicht im Netz bin” bringt nun erstmals Texte von Zhadan, die entstanden sind, nachdem Russland 2014 dem Donbas einen Krieg aufzwang, aus dem auch zwei Jahre später kein Ausweg in Sicht ist.

Der Krieg im Donbas ist für Serhij Zhadan kein abstraktes Problem, sondern ein konkretes. Ein sehr nahes, physisch, psychisch, emotional. Zhadan wurde im Donbas geboren, dort leben bis heute Freunde und Verwandte. Zhadan liebt die Leute aus dem Donbas, er liebt die Landschaft, er liebt die Städte. Jene karge Landschaft und jene wenig einladenden Städte, die so schwer zu lieben sind, zumindest für Außenstehende. Landschaften und Städte, deren Namen bis 2014 in Europa kaum jemand kannte und die zwei Jahre später auch schon wieder fast vergessen sind. Starobilsk, wo Zhadan geboren wurde, Slawjansk, wo der Krieg begann, Debaltsewo, wo eine der schlimmsten Schlachten des Krieges geschlagen wurde. Donetsk und Luhansk – jenes Luhansk, das bis 1992 Woroschilowgrad hieß – genau wie Zhadans bislang bester Roman im Original. Auf Deutsch wurde aus “Woroschilowgrad” dann “Die Erfindung des Jazz im Donbas”.

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Serhij Zhadan. Warum ich nicht im Netz bin – Gedichte und Prosa aus dem Krieg. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe und Esther Kinsky.

Edition Suhrkamp. 170 Seiten, 16,00 Euro

 

 

Buchrezension WDR3: Evgenij Vodolazkin – Laurus

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Heiligenlegenden gehören zu den ältesten literarischen Formen überhaupt – in der katholischen Kirche im Westen, aber auch in Russland. Weil die meisten Menschen nicht lesen konnten, wurde das Leben heiliger Kirchenväter in der orthodoxen Kirche zwar über lange Zeit in erster Linie in comic-artigen Bilderfolgen auf Ikonen erzählt. Aber trotzdem: schriftliche Heiligenlegenden sind ein Grundbaustein der russischen Kultur, seit dem Mittelalter. Kaum jemand weiß das besser, als der Petersburger Literaturwissenschaftler Evgenij Vodolazkin. Vodolazkin arbeitet am berühmtesten literarischen Forschungsinstitut seines Landes, dem sogenannten Puschkinhaus, sein Lehrer war einer der großen Geisteswissenschaftler des 20. Jahrhunderts: Dmitrij Lichatschow. In seinem Roman “Laurus”, der 2013 den wichtigsten russischen Literaturpreis gewann, zeigt Vodolazkin, das an den ältesten literarischen Formen nichts, aber auch gar nichts altmodisches ist – in den richtigen Händen!  Continue reading

WDR3 Buchrezension: Angela Rohr “Lager”

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Wenn man es erfände, niemand würde es glauben: zu dramatisch und unwahrschein- lich war das Leben der Ärztin und Schriftstellerin Angela Rohr. Rohr wurde 1890 als Angela Helene Müllner unter Kaiser Franz Josef in der KuK-Monarchie geboren. Als sie vier Wochen nach dem Amtsantritt von Michail Gorbatschow im Frühjahr 1985 in Moskau starb, 95 Jahre alt, da war Angela Rohr möglicherweise der letzte Mensch auf dieser Welt, der Lenin die Hand geschüttelt, Bertolt Brecht von der Grippe kuriert und mit Rainer Maria Rilke Freundschaft geschlossen hatte …

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Nacht der langen Schaufeln: Abrissorgie in Moskau

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“Das Ende einer Epoche”. “Bürgermeister Sobjanins Bombennacht”. “Die Nacht der langen Schaufeln” – keine Schlagzeile war heute Morgen grell genug, um den Schock der Moskauer zu formulieren angesichts dessen, was sich abgespielt hat, während sie schliefen. 700 Bagger waren im Einsatz, um knapp 100 Gebäude abzureißen, für die die Stadtregierung das herrliche Wort Samo-Stroj verwendet: Selbstbau.

Damit sind nicht Gebäude gemeint, die sich selbst errichtet haben, sondern solche, die ohne Genehmigung errichtet wurden. Normalerweise ist das Wort für illegale Garagen, Bungalows oder Balkons reserviert. Doch was in Moskau heute Nacht abgerissen wurde, das waren oft mehrstöckige, mehrere Hundert Quadratmeter große Pavillons, Arkaden und Shoppingcenter, die in den 90er- und 00er-Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft von Metro-Stationen und Bahnhöfen errichtet wurden.

Es gab alles und das zu erträglichen Preisen

Kein Moskauer und kaum ein Tourist, der nicht zumindest einige der Gebäude kannte und benutzt hat. Hier konnte man Kaffeetrinken und einen Imbiss nehmen, sich die Haare schneiden und die Schuhe putzen lassen, Wetten abschließen, auf dem Weg nach Hause oder zu Besuch noch schnell eine dieser herrlichen Torten kaufen. Lebensmittel, Bücher, Handys, Unterwäsche, Schuhe, Zeitungen und  Blumen für die Liebste: Es gab alles und das zu erträglichen Preisen.

Der Nutzen all der kleinen Geschäfte und Cafés im Alltag der Zehn-Millionen-Megacity Moskau war unübersehbar. Doch die Gebäude hatten einen Nachteil: Während die Metro-Stationen, in deren unmittelbarer Nachbarschaft sie sich befanden, zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Moskaus gezählt werden, waren die Pavillons und Arkaden allesamt profane Monumente des Kommerzes und rabiater Geschmacklosigkeit. Ein Beispiel: Die Metro-Station Kropotkinskaja von 1935 befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Kreml, direkt vor der wiedererbauten Erlöser-Kathedrale und am Ende des wunderbaren Gogol-Boulevards. Das Eingangsgebäude besteht aus einer Art zentralem Triumphbogen mit zwei seitlich angeschlossenen Vestibülen und gewann auf den Weltausstellungen in Paris und Brüssel 1937 und 58 Grand Prixs.

In den 90er- und 00er-Jahren erbauten findige Geschäftsleute auf dem Platz vor und hinter der Station eine Reihe von Geschäften und Cafés, die sich zwar bemühten, den tempelartigen Stil des Gebäudes irgendwie aufzunehmen, im Gegensatz zu diesem aber aus Plastik, Aluminium und Beton errichtet waren.

Hier wurde eine Epoche abgerissen

Die Moskauer stellen angesichts der Abriss-Orgie von heute Nacht viele Fragen: War es vernünftig, mitten in der Wirtschaftskrise Tausende Arbeitsplätze zu vernichten? Wer hat den Bau eigentlich genehmigt? Und was wird aus den ebenso hässlichen Einkaufszentren zum Beispiel am Kursker oder Kiewer Bahnhof?

Eine Frage, die kaum eine Rolle spielt, betrifft den Denkmalschutz. Die einflussreiche Moskauer Denkmalschutz-Initiative Archnadsor hat die Abrissorgie begrüßt – endlich werde der Blick wieder frei auf jahrzehntelang entstellte Ensembles im Zentrum des historischen Moskaus. Das ist ohne Frage richtig. Doch wer sich durch eine Fotogalerie der abgerissenen Gebäude klickt, erkennt schnell, dass hier mehr passiert ist, als eine Korrektur. Hier wurde eine Epoche abgerissen: Die Gebäude repräsentieren den Geist der russischen 90er- und 00er-Jahre in kristalliner Klarheit: die Korruption, die Goldgräberstimmung, die Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Stadt und die geradezu vollkommene Verwirrung oder Zerstörung aller ästhetischen Kriterien. Es ist heute schwer vorstellbar, aber vielleicht werden die Denkmalschützer der Zukunft bedauern, was heute Nacht passiert ist. Wer allerdings heute versuchen wollte zu erklären, warum architektonische Monster wie die Pyramide auf der Prachtmeile Twerskaja bewahrt werden sollen, der würde in Moskau wohl für verrückt erklärt.