Nacht der langen Schaufeln: Abrissorgie in Moskau

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“Das Ende einer Epoche”. “Bürgermeister Sobjanins Bombennacht”. “Die Nacht der langen Schaufeln” – keine Schlagzeile war heute Morgen grell genug, um den Schock der Moskauer zu formulieren angesichts dessen, was sich abgespielt hat, während sie schliefen. 700 Bagger waren im Einsatz, um knapp 100 Gebäude abzureißen, für die die Stadtregierung das herrliche Wort Samo-Stroj verwendet: Selbstbau.

Damit sind nicht Gebäude gemeint, die sich selbst errichtet haben, sondern solche, die ohne Genehmigung errichtet wurden. Normalerweise ist das Wort für illegale Garagen, Bungalows oder Balkons reserviert. Doch was in Moskau heute Nacht abgerissen wurde, das waren oft mehrstöckige, mehrere Hundert Quadratmeter große Pavillons, Arkaden und Shoppingcenter, die in den 90er- und 00er-Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft von Metro-Stationen und Bahnhöfen errichtet wurden.

Es gab alles und das zu erträglichen Preisen

Kein Moskauer und kaum ein Tourist, der nicht zumindest einige der Gebäude kannte und benutzt hat. Hier konnte man Kaffeetrinken und einen Imbiss nehmen, sich die Haare schneiden und die Schuhe putzen lassen, Wetten abschließen, auf dem Weg nach Hause oder zu Besuch noch schnell eine dieser herrlichen Torten kaufen. Lebensmittel, Bücher, Handys, Unterwäsche, Schuhe, Zeitungen und  Blumen für die Liebste: Es gab alles und das zu erträglichen Preisen.

Der Nutzen all der kleinen Geschäfte und Cafés im Alltag der Zehn-Millionen-Megacity Moskau war unübersehbar. Doch die Gebäude hatten einen Nachteil: Während die Metro-Stationen, in deren unmittelbarer Nachbarschaft sie sich befanden, zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Moskaus gezählt werden, waren die Pavillons und Arkaden allesamt profane Monumente des Kommerzes und rabiater Geschmacklosigkeit. Ein Beispiel: Die Metro-Station Kropotkinskaja von 1935 befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Kreml, direkt vor der wiedererbauten Erlöser-Kathedrale und am Ende des wunderbaren Gogol-Boulevards. Das Eingangsgebäude besteht aus einer Art zentralem Triumphbogen mit zwei seitlich angeschlossenen Vestibülen und gewann auf den Weltausstellungen in Paris und Brüssel 1937 und 58 Grand Prixs.

In den 90er- und 00er-Jahren erbauten findige Geschäftsleute auf dem Platz vor und hinter der Station eine Reihe von Geschäften und Cafés, die sich zwar bemühten, den tempelartigen Stil des Gebäudes irgendwie aufzunehmen, im Gegensatz zu diesem aber aus Plastik, Aluminium und Beton errichtet waren.

Hier wurde eine Epoche abgerissen

Die Moskauer stellen angesichts der Abriss-Orgie von heute Nacht viele Fragen: War es vernünftig, mitten in der Wirtschaftskrise Tausende Arbeitsplätze zu vernichten? Wer hat den Bau eigentlich genehmigt? Und was wird aus den ebenso hässlichen Einkaufszentren zum Beispiel am Kursker oder Kiewer Bahnhof?

Eine Frage, die kaum eine Rolle spielt, betrifft den Denkmalschutz. Die einflussreiche Moskauer Denkmalschutz-Initiative Archnadsor hat die Abrissorgie begrüßt – endlich werde der Blick wieder frei auf jahrzehntelang entstellte Ensembles im Zentrum des historischen Moskaus. Das ist ohne Frage richtig. Doch wer sich durch eine Fotogalerie der abgerissenen Gebäude klickt, erkennt schnell, dass hier mehr passiert ist, als eine Korrektur. Hier wurde eine Epoche abgerissen: Die Gebäude repräsentieren den Geist der russischen 90er- und 00er-Jahre in kristalliner Klarheit: die Korruption, die Goldgräberstimmung, die Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Stadt und die geradezu vollkommene Verwirrung oder Zerstörung aller ästhetischen Kriterien. Es ist heute schwer vorstellbar, aber vielleicht werden die Denkmalschützer der Zukunft bedauern, was heute Nacht passiert ist. Wer allerdings heute versuchen wollte zu erklären, warum architektonische Monster wie die Pyramide auf der Prachtmeile Twerskaja bewahrt werden sollen, der würde in Moskau wohl für verrückt erklärt.

 

WDR3 Gutenbergs Welt: Flora und Fauna/6.12.2015

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Ullrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung, C.H.Beck

James Hanley: Ozean, aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Dörlemann

David G. Haskell: Das verborgene Leben des Waldes, Ein Jahr Naturbeobachtung. Kunstmann, Aus dem Englischen von Christine Ammann

John Williams: Butchers Crossing, aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben, gelesen von Johann von Bülow, Der Audio Verlag

Holger Brüns: Das Oderbruchbuch: Aufzeichnungen aus dem ereignislosen Leben, Verbrecher Verlag

Roger Deakin: Logbuch eines Schwimmers, aus dem Englischen von Andreas Jandl, Matthes&Seitz

Anna Radlowa: Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg

radlowa-1Russische Avantgarde und mystische Sekten. Ekstase, Askese, totale sexuelle Entsagung und die Revolution: Anna Radlowas “Tatarinowa. Die Prophetin von St.Petersburg” eröffnet fremde Welten.

Man betritt dieses Buch wie ein Zimmer, durch das Nebel wabert. Die Umrisse von Gegenständen und Figuren sind undeutlich, was sich wie zu wem verhält, erst ganz langsam wird es klarer. Da ist ein gelber, trockener Arm, der mit einer Feder schreibt. Da sind Samtvorhänge und ein gefrorener Fluss, die Newa. Da wird, im Juni 1802, ein offenbar bedeutender Bauer namens Seliwanow einem Staatsrat Jelenskij übergeben. Da wird von Geheimnissakramenten geflüstert. Und dann kniet eine junge Frau am Bett eines alten Mannes nieder und hört das:

“Deine Schönheit ist Sünde, dein Liebreiz – Verdammnis. Nimm den Glauben an, und du wirst deine Schönheit zum Werkzeug der Erlösung machen. Große Männer, Generäle, Geheimräte werden herbeiströmen und sich vor dir verneigen. … Du wirst verführen – und somit abweisen, verführen – und somit retten, zu neuer Beweißung bringen unser Land. Hörst Du mich Katerina?”

Was das bleischwere Geraune für Katerina Philippowna Tatarinowa bedeutet, lässt sich für deutsche Leser am ehesten mit dem Initiationsritual in eine Freimaurer-Loge vergleichen. Freimaurer gab es in Russland auch, aber die Sekte, der Katerina Philippowna nach dieser Zeremonie als eine Art Priesterin dienen wird, trägt den Namen Chlysten. Die Chlysten entstanden wohl Mitte des 17. Jahrhunderts und verbanden Ekstase und Askese zu einer mystischen Geheimpraxis, die alles weltliche und materielle zugunsten einer rein geistigen Existenz ablehnt. Wie das Wort “Beweißung” anzeigt, reichte die sexuelle Enthaltung zuweilen bis zur Kastration. Rituelle Gesänge und Tänze waren obligatorisch.

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Anna Radlowa
Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg
Aus dem Russischen von Daniel Jurjew
Herausgegeben von Olga Martynova und Oleg Jurjew
Weidle Verlag, 2015
111 Seiten